Dr. Markus Meier im Interview zu den Regionalspitälern
Wir müssen den Wandel der Spitallandschaft aktiv gestalten. Ambulantisierung, demografische Entwicklung, Fachkräftemangel und steigender wirtschaftlicher Druck verändern die Spitallandschaft. Für Dr. Markus Meier, Spartenpräsident Akutspitäler, ist klar: Regional- und Zentrumsspitäler müssen ihre Rollen weiterentwickeln und noch stärker aufeinander abstimmen. Entscheidend ist eine Versorgung, die qualitativ hochstehend, gut zugänglich und langfristig finanzierbar ist.

Dr. Markus Meier, Spartenpräsident Akutspitäler und Vizepräsident vaka im Interview
Welche Rolle spielen die Regionalspitäler im Aargauer
Gesundheitssystem, und wie unterscheiden sie sich in
ihrer Funktion von den Zentrumsspitälern?
Dr. Markus Meier: Regionalspitäler sichern eine gut erreichbare Grund- und Notfallversorgung. Zentrumsspitäler übernehmen insbesondere komplexe und hochspezialisierte Behandlungen. Aber: Diese Aufgabenteilung wird sich infolge Ambulantisierung, Fachkräftemangel, wirtschaftlichem Druck und steigenden Qualitätsanforderungen weiterentwickeln. Diesen tiefgehenden Strukturwandel müssen wir aktiv angehen. Ziel muss sein, dass jede Patientin und jeder Patient Zugang zur richtigen Behandlung am richtigen Ort erhält. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass jede Leistung an jedem Standort angeboten werden muss.
Wie tragen Regionalspitäler konkret dazu bei, die
Zentrumsspitäler zu entlasten?
Viele Patientinnen und Patienten benötigen keine hochspezialisierte Medizin und können wohnortnah in einem Regionalspital behandelt werden. Dadurch werden die Zentrumsspitäler entlastet und können sich stärker auf komplexere Fälle konzentrieren. Künftig dürfte diese Aufgabenteilung aber zunehmend durch Zusammenarbeit in Netzwerken ersetzt werden.
Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Bedeutung von
Regionalspitälern für die Zentrumsspitäler?
Qualität, Erreichbarkeit und Wirtschaftlichkeit müssen gemeinsam betrachtet werden. Es ist weder sinnvoll, hochspezialisierte Leistungen an vielen Standorten vorzuhalten, noch Leistungen zu zentralisieren, die regional in gleicher Qualität und effizient erbracht
werden können.
Was sind die grössten Herausforderungen für die
Regionalspitäler heute?
Die Ambulantisierung verändert die Geschäftsmodelle der Spitäler grundlegend. Hinzu kommen Fachkräftemangel und wirtschaftlicher Druck. Alle Spitäler sind deshalb gefordert, ihr Leistungsportfolio weiterzuentwickeln und ihre künftige Rolle klar zu definieren. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass
jedes Spital möglichst viel selbst anbieten soll. Leistungen gehören dorthin, wo sie medizinisch sinnvoll, qualitativ überzeugend und langfristig tragfähig erbracht werden können.
Wie gestalten die Regional- und Zentrumsspitäler im Aargau ihre Zusammenarbeit? Gibt es gemeinsame Netzwerke, Standards oder digitale Plattformen für den Austausch?
Im Aargau bestehen bereits zahlreiche Kooperationen, etwa in der Aus- und Weiterbildung, bei Sprechstunden und in der Patientenversorgung. Werden die Leistungen künftig stärker auf die einzelnen Spitäler verteilt, nimmt die Bedeutung von Netzwerken zu. Kooperationen sind auch im administrativen Bereich ein probates Mittel, um Kosten zu senken und die Qualität zu erhöhen. In diesem
Zusammenhang kann ich mir auch eine aktivere Rolle der vaka gut vorstellen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Finanzierung der Aargauer Regionalspitäler? Führt das bestehende System zu einer Benachteiligung gegenüber Zentrumsspitälern?
Eine grundsätzliche Benachteiligung sehe ich nicht. Die Herausforderungen unterscheiden sich: Zentrumsspitäler behandeln komplexe Fälle und erbringen umfangreiche Vorhalteleistungen. Regionalspitäler wiederum spüren die Verlagerung vom stationären in den ambulanten Bereich besonders stark. Klar ist aber: Alle Spitäler stehen unter einem erheblichen finanziellen Druck.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Regionalspitälern in den nächsten zehn Jahren? Werden sie an Bedeutung gewinnen oder droht eine Konsolidierung zugunsten grösserer Zentren?
Ich glaube weder an eine Zukunft mit ausschliesslich grossen Zentren noch daran, dass die heutige Spitallandschaft unverändert bestehen bleibt. Spezialisierte Leistungen werden sich dort konzentrieren, wo sie wirtschaftlich in hoher Qualität erbracht werden können. Dies wird grösstenteils in den Zentren sein. Gleichzeitig braucht es in den Regionen weiterhin eine hochwertige,
gut verfügbare Grund- und Notfallversorgung. Regionalspitäler
und Zentrumsspitäler werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen, teilweise aber mit veränderten Leistungsportfolios. Die entscheidende Frage lautet: Wie organisieren wir mit den verfügbaren Fachkräften und finanziellen Mitteln die bestmögliche Versorgung? Als
Spitäler haben wir die Chance, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Genau diese Diskussion möchte ich als Spartenpräsident gemeinsam mit den Spitälern führen.