Pflegeversorgung am Limit: Warum wir vor einer Krise stehen
Solange im Aargau die Gemeinden und der Kanton getrennte Budgets und Verantwortungen haben, werden Fehlanreize den Ausbau der Pflegeversorgung blockieren. Das führt uns direkt in die Unterversorgung. Doch auch Ineffizienz und höhere Kosten sind die Folgen von der aktuellen Aufteilung der Gesundheitsversorgung auf zwei Staatsebenen.
Die Zahlen sind alarmierend. Obwohl die Anzahl der bewilligten Pflegeheimplätze in den letzten zehn Jahren um über 400 gestiegen ist, steigt die Auslastung in den Pflegeheimen im Kanton Aargau auf rekordhohe 98 Prozent (Stand 2025). Dabei ist die Zahl der Bewohnenden in den tiefsten Pflegestufen (1–3) deutlich gesunken. Doch der eigentliche Druck kommt erst noch: Bis 2035 erwartet der Regierungsrat einen zusätzlichen Bedarf von 1500 Pflegeheimplätzen. In Planung befinden sich jedoch gerade einmal 150.
Im Aargau droht eine massive Unterversorgung – pflegebedürftige Personen werden je länger, desto weniger einen Pflegeheimplatz finden.
Fehlanreize blockieren den Ausbau im Aargau
Das Kernproblem: Gemeinden und Kantone ziehen nicht an einem Strang. Während die Gemeinden die Pflegeversorgung finanzieren, profitiert der Kanton von der Entlastung der Spitalversorgung. Die Gemeinden wären in der Pflicht, genügend Betten bereitzustellen. Doch wer baut, wird mit Kosten «bestraft». Deshalb hat kaum jemand Interesse, neue Pflegeheimplätze zu schaffen.

Ein Tag im Spital ist um ein Vielfaches teurer als im Pflegeheim
Meist erfolgt ein Eintritt in ein Pflegeheim direkt aus dem Spital oder einer Klinik. Fehlt eine Anschlusslösung, müssen die Patientinnen und Patienten unnötig lange im Spital bleiben. Das ist unangenehm für die Betroffenen und treibt die Kosten für Kanton und Krankenkassen in die Höhe. H+ Die Spitäler der Schweiz warnt vor «sozialen
Hospitalisationen» – also Belegungen von Akutbetten ohne medizinische Notwendigkeit. Ein Tag im Spital kostet ein Vielfaches eines Tages im Pflegeheim. Die Finanzierer – Kanton und Krankenversicherer – zahlen die Zeche (siehe Grafik unten).

Spitex als Lösung? Ja, aber mit Grenzen
Die Spitex leistet wertvolle Arbeit, doch sie stösst an ihre Grenzen: Ein 24-Stunden-7-Tage-Setting kann sie nicht bieten. Ein Pflegeheimeintritt erfolgt heute meist erst, wenn die Betreuung zu Hause nicht mehr möglich ist. Fehlen dann die Plätze, bleibt nur der Umweg über das Spital – eine teure und ineffiziente Notlösung.
Die Lösung liegt in einer zentralen Steuerung und Finanzierung durch den Kanton. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Versorgungskette, von der Spitex über die Pflegeheime bis zum Spital, reibungslos funktioniert. Andernfalls droht nicht nur ein Pflegeplätzenotstand, sondern auch eine Kostenlawine im Gesundheitswesen.
Ein gezielter Ausbau der Pflegeversorgung ist zudem notwendig, um die Spitalversorgung zu entlasten. Der Kanton ist gefordert, die Gesundheitsversorgung entlang der gesamten Behandlungskette sicherzustellen, zu planen und zu finanzieren, wie es die einheitliche Finanzierung ambulant und stationär (EFAS) vorsieht.
Für die Akteure soll es keine Rolle mehr spielen, ob eine Leistung ambulant oder stationär, im Pflegeheim oder zu Hause usw. erbracht wird. Es soll somit keine finanziell motivierten Abgrenzungsprobleme zwischen den Leistungsbereichen mehr geben, beispielsweise bei der Gestaltung und der Zuordnung von neuen Angebotsformen.