Psychiatrische Versorgung: Wenn der Bedarf schneller wächst als die Kapazitäten
Die psychiatrische Versorgung gerät zunehmend unter Druck. Immer mehr Menschen benötigen Unterstützung – besonders junge Erwachsene, Frauen sowie Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel, komplexere Krankheitsbilder und knappe Ressourcen die Situation in stationären und ambulanten Angeboten. Damit die Versorgung auch künftig funktioniert, braucht es flexible Versorgungsmodelle, starke Kooperationen und eine gezielte Finanzierung von Übergangs- und Zwischenangeboten.
Die Behandlung von psychischen Erkrankungen gehört heute zu den grössten Herausforderungen. Die Zahl der Menschen, die psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, steigt seit Jahren deutlich. Besonders ausgeprägt ist die Entwicklung bei jungen Erwachsenen und Frauen. Auch bei Kindern und Jugendlichen nehmen psychische Belastungen markant zu. Das zeigen aktuelle Zahlen, die am Gesundheitspolitischen Anlass der vaka präsentiert wurden.
Gesellschaftliche Entwicklungen verstärken den Druck
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Digitalisierung, soziale Medien, Leistungsdruck, wirtschaftliche Unsicherheit und globale Krisen erhöhen den Stress in der Bevölkerung. Gleichzeitig werden psychische Erkrankungen heute früher erkannt und offener thematisiert als noch vor einigen Jahren. Diese Entstigmatisierung ist grundsätzlich positiv – sie führt aber auch dazu, dass das Versorgungssystem schneller an seine Grenzen stösst. Hinzu kommt: Psychische Erkrankungen verlaufen häufig komplex und benötigen längerfristige Begleitung. Dadurch steigt der Druck entlang der
gesamten Versorgungskette – von der ambulanten Beratung über die Psychiatrie-Spitex bis zur stationären Behandlung.
Fachkräftemangel verschärft die Situation
Die psychiatrische Versorgung steht zunehmend vor personellen Engpässen. Schon heute fehlen Fachpersonen in verschiedenen Bereichen – bei Ärztinnen und Ärzten ebenso wie in Therapie, Pflege und Betreuung. Gleichzeitig steigt die Nachfrage schneller, als neue
Kapazitäten aufgebaut werden können. Der quantitative Ausbau allein wird deshalb nicht ausreichen. Gefragt sind neue Versorgungsmodelle, die vorhandene Ressourcen gezielter einsetzen und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Leistungserbringern
stärken.
Die richtige Versorgung zur richtigen Zeit
Nicht jede psychische Belastung benötigt sofort eine hoch spezialisierte Behandlung. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten rasch die passende Unterstützung erhalten. Dafür braucht es wirksame Triageprozesse, klare Zuweisungen und flexible Behandlungsmodelle. Im Fokus steht dabei das sogenannte Stepped-Care-Modell: Die Versorgung erfolgt abgestuft – von niederschwelliger Beratung und Selbsthilfeangeboten über ambulante Therapien bis zu Kriseninterventionen oder stationären Aufenthalten. Ziel ist es, Über- und Unterversorgung zu vermeiden und die vorhandenen Fachressourcen effizient einzusetzen. Damit solche Modelle funktionieren, braucht es eine enge Koordination zwischen allen Beteiligten, regelmässige Evaluationen und ein aktives Case-Management.

Integrierte Versorgung braucht starke Partnerschaften.
Gerade in der psychiatrischen Versorgung sind funktionierende
Übergänge zentral. Nach einem stationären Aufenthalt übernimmt häufig die Spitex die ambulante psychiatrische Pflege. Sie unterstützt Betroffene im Alltag, begleitet die Medikamenteneinnahme, stabilisiert in Krisensituationen und hilft, Rückfälle oder erneute
Hospitalisationen zu vermeiden.
Damit diese integrierte Versorgung funktioniert, bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen Kliniken, Spitex, behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Fachpersonen. Gleichzeitig steht die Psychiatrie-Spitex selbst unter Druck: Die Nachfrage steigt, Fälle werden komplexer, und der Fachkräftemangel verschärft die Situation zusätzlich.
Politischer Auftrag: Sinnvolle Zwischenangebote finanzieren
Besonders wichtig sind sogenannte intermediäre Angebote – also Leistungen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Sie helfen, Versorgungslücken zu verhindern und Patientinnen und Patienten stabil zu begleiten. Solche Angebote lassen sich heute jedoch oft nur ungenügend finanzieren, weil sie ausserhalb klassischer Tarifstrukturen liegen. Deshalb braucht es bessere Rahmenbedingungen: zum Beispiel die Finanzierung von Koordinations- und Vorhalteleistungen, den Ausbau integrierter Übergangsangebote sowie einen durchgängigen digitalen Datenaustausch zwischen den Beteiligten. Nur so können Kooperationen gestärkt und flexible Versorgungsmodelle langfristig gesichert werden.
Die Leistungserbringer
Der Kanton